„Ist es nicht vergleichbar mit dem Wühlen des Windes im Efeu?“, sann sie, während wir uns an Apfelkuchen mit Eis vergnügten. Von da wo wir saßen, blickten wir auf die Fassade der Nachbarn. Dort wuchs, durchstochen von Balkonen, wild im Wind hin und her wehender Efeu, dessen Bewegungen ihre Gedanken sinnbildlich anzutreiben schienen und ich ärgerte mich darüber, dass sie wieder abschweifte.
„Ich weiß nicht, ob ich schon am Besten morgens gleich beide Saxophone mitnehme oder ob ich zwischendurch noch mal zu Hause vorbeigehe...“, meinte ich, eifrig das Gesprächsthema bei den bevorstehenden Auftritten beibehaltend. Es wurde schon langsam dunkel. Der Wind wurde langsam kalt. Sie reagierte nicht. „Du hast ja Glück als Sängerin, du brauchst nicht viel mitzunehmen. Ich muss mir das aber gut überlegen...“, versuchte ich es weiter. Ich nahm einen Schluck vom erwärmenden Tee. „Hm“, brummte sie abwesend. Ihr Blick schlug Wellen im Efeu. „Ja, weißt du“, sann sie weiter,“genau so was finde ich ungeheuerlich schön: wenn zwei Liebhaber miteinander reden und sie mit der Intonation ihrer Wörter einander streicheln, wie ein Spiel des Windes im Efeu... den Efeu sich anmutig führen lassend, fröhlich tanzend, eins mit dem Wind.“
Ich lachte grimmig.
„Du könntest doch Anette fragen, ob sie dich mit dem Auto abholt?“, sagte sie endlich.
„Es wäre für sie aber schwierig mich zurück zu bringen, da sie direkt nach dem Auftritt ihr Kind bei Freunden abholen wird und sie dann so bald wie möglich nach Hause gehen möchte.“
„Und wenn du heute schon eines deiner Saxophone zu Dorra bringst?“
Ich nahm noch einen Schluck Tee. Sie stand auf um eine Decke zu holen. Während ich unseren, von mir vorher am Nachmittag sauber gemachten, Balkon betrachtete, erwischte ich mich dabei, dass ich mich fragte, wieso bei ihr Lösungen immer so einfach erscheinen. Ist es wegen der Schnelligkeit des Desinteresses oder ist es Pragmatismus? Dabei bin ich von uns beiden doch eher die praktische Analytikerin? Seufzend grub ich mich tiefer in meinem Stuhl und musterte die rhythmischen Bewegungen des jetzt im Dunklen kaum noch sichtbaren, wiegenden Efeus. Ich beobachte dabei meine Gedanken, die sich versuchten vorzustellen welche Melodie entstehen würde, wenn ich einige maßgebende Kurvenpunkte der Efeuwellen als Noten in einem Vierertaktrhythmus eines Bassschlüssels einführen würde. Noch bevor es mir gelang die ersten imaginären Klänge zu hören, kam sie wieder raus auf den Balkon und hatte eine Decke und eine Flasche Wein in den Händen.
„Auch ein Gläschen?“ fragte sie.
Hm, ja, warum nicht. Ich nickte. Etwas später kam sie mit zwei Weingläsern abermals hinaus. „Wusstest du, dass der Mensch erst zu zeichnen angefangen hat, bevor er angefangen hat zu sprechen?“ Sie goss den Wein ein. „Die Höhlenmalereien waren eine Art Symbolsprache, die den Menschen damals half einander mitzuteilen, was und wie sie zum Beispiel jagen wollten, da sie die Wörter für die Tiere und die Vorgehensweisen noch nicht besaßen. Es scheint also so, dass die Sprache der Bilder den Menschen näher liegt als die Sprache der Wörter“, sagte sie nachdenklich. Ich schmeckte den herben, fast zu sauren Geschmack des Weins in meinem Mund. Wie kam sie denn auf einmal wieder auf dieses Thema?
„Jurit hat mich gerade angerufen.“
Das musste der Auslöser gewesen sein. „Seitdem sie Jurit kennt, ist sie irgendwie anders“, überlegte ich grübelnd,“irgendwie milde aber auch besonnen.“ Neidisch wünschte ich Jurit den Efeu.
„Sie fragte mich, ob ich eine Schicht mit ihr tauschen könnte... die am nächsten Freitag... .“
Meine Gedanken räderten sich durch den Abend hinweg. Fragmente unseres Gespräches und Besonderheiten ihres Verhaltens spulten sich vor meinem Auge ab. Es wurde mir klar, dass, obwohl es diese Frage aber gar nicht geben sollte, sie doch mit ihrer Haltung schon eine Antwort darauf gegeben zu haben schien. Und diese Antwort gefiel mir nicht. Ich verstand auch nicht wo sie auf einmal herkam. „Wir hatten dies doch zusammen geplant!?“, dachte ich verzweifelt. „Kommst du nächste Woche mit zum Auftritt im 'Sprüdel'?“, probierte ich es.
„Wenn ich nicht arbeiten muss... . Vielleicht. Ist das am Freitag?“ Sie zappelte mit ihrem Bein, während sie noch einen Schluck nahm. Sie goss mein Glas wieder voll. „Wie ist das eigentlich mit Bildern in Träumen?“, fuhr sie mit ihren vorherigem Gedankengang fort. „Da geht es doch auch eher um Bilder als um Worte? Wenn Sprache in meinen Träumen vorkommt, dann immer, weil etwas besonders hervorgehoben werden soll, also zum akzentuieren. Bilder sind aber immer da... . Ich bin bis jetzt immer von der Vorstellung ausgegangen, dass unser Unterbewusstsein sich mit Bildern ausdrückt, dass Bilder die erste Stufe der Materialisation des Unbewussten sind, oder die erste Materialisationsstufe des Informationsaustausches unserer Seele mit unserem Bewusstsein.“
Ihr Monolog breitete sich über mich aus wie Efeu. Ich fühlte mich von Gleichgültigkeit überwuchert. „Was werde ich machen ohne sie?“, fragte ich mich bestürzt.
„Lustig, dass Jurit gerade anrief. Als ich letztens mit ihr über Träume gesprochen habe, meinte sie, dass sie eher davon ausgeht, dass Gefühle und Empfindungen Bildern vorausgehen. Vielleicht, dass Gefühle sich uns in Träumen über Bilder verständlich versuchen zu machen, eine Perspektive, die ich vorher noch nie betrachtet hatte.“ Sie nippte an ihrem Wein.
Ich dagegen nahm einen kräftigen Schluck und würgte den bitteren Geschmack hinunter. Ich war müde, wollte aber noch nicht schlafen gehen. Inzwischen hasste ich den Efeu, den man mittlerweile in der Düsternis nicht mehr sehen konnte, aber den sich dafür aufdringlich schüttelnd hörbar machte. Selbstbewahrend lief ich in Gedanken die Stücke durch, die wir am nächsten Tag spielen würden. „Hoffentlich nimmt Sabine morgen ihren großen Verstärker mit. Der ist besser für den Foyerraum, in dem wir unseren zweiten Auftritt haben werden, geeignet.“ Noch einen kräftigen Schluck. Meine Bemerkung stand in der Luft. Ich setzte mich um auf meinem Stuhl und blieb in Gedanken im dritten Stück vom nächsten Tag hängen. Rhythmisch tickte ich dabei mit meinen Fingern gegen den Glasrand, immer die gleiche Stelle wiederholend.
Irritiert nahm sie noch einen Schluck von ihrem Wein. Diesmal einen etwas Größeren, fast Übermütigen. Sie fummelte ein bisschen an dem restlichen Apfelkuchen herum und steckte ihn schließlich in ihrem Mund. „Welche Sprachen kommen in deinen Träumen vor?“, fragte sie mich fast provozierend.
Während mir alle Arten an möglichen Antworten auf diese Frage im Kopf herumschwirrten, stammelte ich endlich die ungewollte Frage heraus: „Also kommst du nicht mit nach Addis Abeba?“
„Nein, ich könnte dort nicht wohnen. Es ist mir dort zu trocken. Und übrigens mag ich Efeu.“
„Das war es dann“, dachte ich. Mein Blick versank resigniert in das geschmolzene Eis mit den Apfelkuchenkrümeln. Sie stand auf und ging hinein.